Bis zu 41 Bomber zerstört

„Aktion Spinnennetz“: Was der ukrainische Drohnenschlag in Russland für den Krieg bedeutet

Der ukrainische Geheimdienst SBU hat in einer koordinierten Aktion gleich vier russische Militärflughäfen attackiert, unter anderem ein Flughafen im sibirischen Irkutsk.

Riga. Der Ukraine sind immer wieder spektakuläre Erfolge im Kampf gegen militärische Ziele der russischen Streitkräfte gelungen. Im April 2022 versenkten zwei ukrainische Seezielflugkörper das Flagschiff „Moskwa“, den Stolz der russischen Schwarzmeerflotte. Im September 2024 zerstörte ein ukrainischer Drohnenangriff ein riesiges Munitionsdepot im westrussischen Toropez, und nun gelang dem ukrainischen Geheimdienst SBU mit der „Aktion Spinnennetz“ ein beachtlicher Schlag gegen die russische Luftwaffe.

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Die Ukraine macht geltend, Russlands Streitkräften damit erheblichen Schaden zugefügt zu haben. Allerdings ist es im Augenblick noch nicht möglich, das Ausmaß der russischen Verluste unabhängig zu überprüfen.

Die „Moscow Times“ schreibt, eine Quelle des ukrainischen Geheimdienstes SBU habe erklärt, dass die koordinierten Angriffe der Ukraine 41 Flugzeuge getroffen hätten, die zur „Bombardierung ukrainischer Städte“ eingesetzt werden, und nannte die strategischen Bomber Tu-95MS und Tu-22 M3 sowie das Frühwarnflugzeug Berijew A-50.

Ersatz der zerstörten Flieger fällt schwer

Sollte sich dies bestätigen, könnte der größte Erfolg für Kiew in der Zerstörung der Berijew A-50 bestehen, die Russland zur Koordinierung seiner Kampfjets und zur Erkennung ukrainischer Luftabwehrraketen einsetzt.

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Es wird angenommen, dass inzwischen weniger als 10 dieser ursprünglich in der Sowjetunion entwickelten Flugzeuge noch im Einsatz sind. Es wäre die dritte A-50, die Russland seit der Invasion in der Ukraine verloren hat; zwei weitere wurden Anfang 2024 von der Ukraine mit Boden-Luft-Raketen abgeschossen.

Der Ersatz dieser Flugzeuge wird Russland schwerfallen, denn das Land produziert keine Tu-95MS oder Tu-22 M3 mehr, von denen angenommen wird, dass sie zu den in Brand gesetzten Flugzeugen gehören. Diese Langstreckenbomber können ebenso wie die Tu-160 16 Marschflugkörper tragen, die über 2.000 Kilometer weit fliegen können. Wie „Forbes“ 2023 schrieb, kostet der Bau einer einzigen A-50 zudem 500 Millionen US-Dollar (440 Millionen Euro).

Den Raketenträger Tu-95 setzt Russland regelmäßig ein, um zivile Ziele wie Energieanlagen in der Ukraine unter Beschuss zu nehmen.

Ukraine fehlen Raketen für Luftabwehrsysteme

Marschflugkörper stellen ein besonderes Problem für die ukrainische Luftabwehr dar, die keine der neun Missiles abfangen konnte, die in der Nacht zum 24. Mai auf das Land abgefeuert wurden. Aufgrund ihrer Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit können sie nur mit Raketen des US-amerikanischen Patriot-Systems oder des französisch-italienischen SAMP-T-Systems abgeschossen werden.

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Allerdings gingen der Ukraine Ende Mai die Raketen für das SAMP-T-System aus. Kiew hat Washington daher um mehr Patriot-Raketen gebeten. US-Außenminister Marco Rubio beschied die Bitte allerdings mit den Worten: „Offen gesagt, wir haben sie nicht.“

Washington forderte daraufhin andere Länder auf, ihre Patriot-Raketen an die Ukraine abzugeben. Am 10. Mai gaben die USA Deutschland grünes Licht für den Transfer von 100 Luftabwehrraketen aus deutschen Beständen. Kritische Waffen, die wie die Patriot-Raketen in den USA hergestellt werden, dürfen nur mit Genehmigung der US-Regierung exportiert werden, auch wenn sie anderen Ländern gehören.

Russische Militärblogger beklagen „schwarzen Tag für die Luftfahrt“

Viele europäische Staaten zögern jedoch, Ausrüstung abzugeben, die sie für ihre eigene Verteidigung benötigen und nicht ohne weiteres ersetzen können. Der Hersteller Raytheon kann pro Jahr nur 12 Patriot-Systeme sowie 740 Abfangraketen produzieren, wenn man die Produktion von Lockheed Martin hinzunimmt.

Der ukrainische Geheimdienst erklärte, er habe 34 Prozent der mit Marschflugkörpern bestückten russischen strategischen Bomber zerstört. Sollte das zutreffen, wäre es wegen der für Russland verringerten Möglichkeit, die Ukraine mit Marschflugkörpern zu beschießen, ein wichtiger Erfolg für Kiew.

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Von russischer Seite gab es vorläufig keine umfängliche Reaktion auf die Drohnenangriffe der Ukraine. Das russische Verteidigungsministerium bestätigte lediglich, dass nach einem Drohnenangriff auf Stützpunkte in den Regionen Murmansk, in der russischen Arktis und Irkutsk in Ostsibirien „mehrere Flugzeuge Feuer“ gefangen hätten. Die Brände seien eingedämmt worden, sagte das Ministerium, und es habe keine Verletzten gegeben.

Russische Militärblogger beklagten nach dem ukrainischen Angriff allerdings einen „schwarzen Tag für die Luftfahrt“.

„Druckmittel am Verhandlungstisch“

„Rybar“, ein Kanal auf dem russischen Kurznachrichtendienst Telegram, der dem Kreml nahesteht, sprach von einem „sehr schweren Schlag“ für die russischen Streitkräfte und bezichtigte den russischen Geheimdienst „schwerer Fehler“.

Von unabhängiger Seite äußerte sich Pasi Paroinen auf X, ein Militäranalyst des finnischen Open Source Intelligence-Dienstes „Black Bird Group“. Seiner Meinung nach hat Russland seine Luftwaffenstützpunkte unzureichend gegen Luftangriffe geschützt, etwa durch den Bau befestigter Hangare.

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Katarzyna Zysk, Expertin für internationale Beziehungen und Zeitgeschichte an der norwegischen Verteidigungsakademie, betonte die Bedeutung des Zeitpunktes des Anschlages kurz vor den russisch-ukrainischen Gesprächen, die an diesem Montagmittag in Istanbul stattfanden.

„Die Ukraine weiß, dass sie Putin nur aus einer Position der Stärke heraus zu ernsthaften Verhandlungen zwingen kann“, sagte sie der „Moscow Times“. „Seit Russland auf dem Schlachtfeld an Boden gewinnt, steht Putin Verhandlungen skeptisch gegenüber und fragt sich, warum er überhaupt verhandeln soll. Das Aufzeigen von Russlands Schwächen und Verwundbarkeiten kann die weitere Verhandlungsdynamik beeinflussen und als Druckmittel am Verhandlungstisch eingesetzt werden.“

„Paranoia bei russischen Geheimdiensten“

Die Ukraine unterstreiche ihre Fähigkeit, essenzielle Militäreinrichtungen Russlands auszuschalten. Das sei wohl wirksamer, um Russland zu Friedensgesprächen zu bewegen, als der weiche diplomatische Ansatz der Trump-Administration, fügte sie hinzu.

Nach der Runde an diesem Montag hat die Ukraine nach Angaben aus Kiew den Russen vorgeschlagen, die Gespräche Ende Juni fortzusetzen.

Endlose Liste von Zielen

Dan Lomas, Dozent für Geheimdienst- und Sicherheitsstudien an der Universität Nottingham, erklärte, die Angriffe würden bei den russischen Geheimdiensten Paranoia auslösen: „Die ukrainischen Geheimdienste verfügen über die Fähigkeit, in ganz Russland zuzuschlagen, und der jetzige Erfolg facht diese Paranoia nur noch weiter an. Wo und wie können sie als nächstes innerhalb Russlands operieren und den FSB und andere interne Sicherheitsapparate in Verlegenheit bringen?“, fragte Lomas.

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„Es gibt eine endlose Liste von Zielen für die Ukraine, während der FSB den Schutz all dieser Ziele ständig im Auge haben muss. Die Ukraine hat gezeigt, dass sie in der Lage ist, alles anzugreifen, von Einzelpersonen bis hin zu Teilen der strategischen Streitkräfte Russlands. Die Paranoia und der psychologische Aspekt für den FSB ist: ‚Was kommt als nächstes?‘“

Der ukrainische Drohnenangriff dürfte auch die nuklearen Fähigkeiten Russlands beeinträchtigen. Denn sollten die strategischen Bomber Tu-95MS und Tu-22 M3 tatsächlich im genannten Ausmaß zerstört worden sein, fehlen Russland nun Flugzeuge, die Atomwaffen tragen können. Die Bomber sind ein wichtiger Bestandteil der sogenannten „Nukleartriade“ Russlands.

Als nukleare Triade wird die dreiteilige Struktur aus landgestützten ballistischen Interkontinentalraketen (ICBMs), von U-Booten abgefeuerten ballistischen Raketen (SLBMs) und strategischen Bombern mit Nuklearbomben und -raketen bezeichnet.

Gesamtschaden mindestens zwei Milliarden US-Dollar

Eine Quelle aus dem ukrainischen Geheimdienst SBU bezifferte den Gesamtschaden des Drohnenangriffs für die russischen Streitkräfte gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg mit zwei Milliarden US-Dollar (1,76 Milliarden Euro), wobei einige Analysen von noch höheren Kosten ausgingen, wenn man die Start- und Landebahnen, Hangare und die unterstützende Infrastruktur mit einberechne.

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Ist die „Aktion Spinnennetz“ also ein riesiger Erfolg für die Ukraine? Das ist noch nicht ausgemacht. Betrachtet man die Vergeltungsmaßnahmen Russlands bei früheren Eskalationen wird Moskau wahrscheinlich mit verstärkten Raketen- und Luftangriffen auf die ukrainische militärische Infrastruktur, Rüstungsunternehmen und andere strategische militärische Ziele in der Ukraine reagieren.

Kriegsblogger bringen nukleare Option ins Spiel

Angesichts der Tatsache, dass die Ukraine geheimdienstliche Methoden wie das Verstecken von Drohnen in Lastwagen und Holzschuppen in der Nähe russischer Luftwaffenstützpunkte eingesetzt hat, könnte Russland seine Spionageabwehr- und inneren Sicherheitsmaßnahmen verstärken, um ukrainische Spionagenetzwerke und Sabotagezellen auf seinem Territorium aufzuspüren und zu zerschlagen.

Einige Analysten spekulieren, dass ein derart entschlossener ukrainischer Angriff auf strategische Bomber – Teil der nuklearen Triade – Russland dazu veranlassen könnte, nukleare Optionen als Form der Abschreckung oder Vergeltung in Betracht zu ziehen oder sogar anzudrohen. Im Augenblick ist das noch reine Spekulation, aber der russische Kriegsblogger „Two Majors” etwa schrieb auf Telegram: „Das ist nicht nur ein Vorwand. Das ist ein Grund, Atomschläge gegen die Ukraine zu starten.“

Und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass der Angriff der Ukraine nicht etwa ein Druckmittel für weitere Verhandlungen in die Hand gibt, wie die Expertin Katarzyna Zysk vermutet, sondern dass sich Russlands Haltung bei den Gesprächen verhärtet. Moskau könnte sogar ganz aus den Gesprächen aussteigen oder diese untergraben. Zumindest sprach Russlands Außenminister Sergej Lawrow davon, dass die Drohnenangriffe der Ukraine ein Versuch seien, den Friedensprozess zu torpedieren.

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Aus der deutschen Politik kam nach dem Abschluss der Gesprächsrunde am Montag zunächst verhaltener Optimismus: „Grundsätzlich begrüße ich es, dass heute überhaupt Gespräche zwischen der Ukraine und Russland stattgefunden haben“, sagte die SPD-Fraktionsvize Siemtje Möller dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Inmitten des andauernden Kriegs sei jedes diplomatische Gespräch ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, betonte sie.

„Gleichzeitig zeigen Putins jüngste Handlungen aber unmissverständlich, dass er weiterhin nicht an einem Waffenstillstand oder ernsthaften Friedensverhandlungen interessiert ist“, erklärte die Außenpolitikerin. „Der brutale Angriffskrieg geht mit massiven Angriffen auf zivile Infrastruktur unvermindert weiter.“

Zu den Ergebnissen sagte Möller: „Sollte aus den Gesprächen ein weiterer Gefangenenaustausch hervorgehen, wäre das ein wichtiges humanitäres Signal – aber es ändert nichts an der Gesamtlage." Die Ukraine verteidige weiterhin ihre Souveränität und die gemeinsame Friedensordnung in Europa. „Sie verdient unsere volle Unterstützung – militärisch, finanziell und politisch", so Möller. „Deshalb muss der Druck auf Putin weiterhin konsequent hochgehalten und gemeinsam mit unseren Partnern bereits jetzt weitere Sanktionen vorbereitet werden.“

RND/mit sgey.

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