Bundeswehr und Ukraine-Krieg: Immer mehr Ungediente wollen Reservisten werden
Berlin. Immer mehr bis dahin Ungediente absolvieren bei der Bundeswehr eine Ausbildung zum Reservisten. Wie eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) mitteilte, seien auf Grundlage des seit 2018 laufenden Programms bis zum 31. Juni 2023 knapp 930 ungediente Frauen und Männer mit der Ausbildung in die Reserve eingetreten. Für 2023 seien noch weitere Ausbildungen geplant.
Nach RND-Informationen hat sich die Zahl der Interessenten 2023 im Vergleich zum Vorjahr mehr als verdoppelt. Zuletzt wollten 482 Zivilisten in diesem Jahr Reservisten werden. Ein Grund dafür ist der russische Angriff auf die Ukraine, nach dem sich die Frage der Verteidigungsfähigkeit in Deutschland ebenfalls neu stellt. Ein Sprecher des Territorialen Führungskommandos der Bundeswehr sagte dem RND: „Das Interesse an der Ausbildung Ungedienter ist gestiegen. Deshalb werden wir ab 2024 auch in Bremen und Berlin die Ausbildung anbieten.“ Sie findet auf der Ebene der Landeskommandos statt und erfolgt auch an der Waffe.
Personalprobleme weiterhin groß
Die Ausbildung dauert 164 Stunden. Wer sie abgeschlossen hat, wird anschließend regelmäßig zu Wehrübungen eingezogen. Im Ernstfall würden die Reservisten Kasernen bewachen oder Verwundete transportieren. Anerkannte Kriegsdienstverweigerer müssen ihre Verweigerung zuvor beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben in Köln widerrufen.
Infolge des Ukraine-Krieges hat sich unterdessen auch die Zahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung bei der Bundeswehr erhöht – und zwar von 209 im Jahr 2021 auf 1.123 im vergangenen Jahr. Unter den Antragstellern 2022 waren 438 Reservisten. Das geht aus einer aktuellen Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor.
Personalprobleme der Bundeswehr
In der Summe hat die Bundeswehr erhebliche Personalprobleme. So räumte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) erst in dieser Woche beim Besuch eines Karrierecenters in Stuttgart ein, dass die Zahl der Bewerber um 7 Prozent zurückgegangen sei. „Wir werden bis zum Jahre 2035 sieben Millionen weniger Erwerbstätige in den Altersjahrgängen haben, die wir bei der Bundeswehr brauchen“, sagte er. „Das sind Zahlen, die die Gesellschaft, die die Volkswirtschaft Deutschlands insgesamt vor Herausforderungen stellt, aber eben natürlich auch die Bundeswehr.“ Bereits Anfang Juni hatte Pistorius infrage gestellt, ob das Ziel der Aufstockung der Bundeswehr auf 203.000 Soldatinnen und Soldaten bis 2031 eingehalten werden könne. Aktuell sind es rund 183.000.