Islamisten demonstrieren

Der Tag, als mitten in Hamburg das Kalifat gefordert wurde

Demonstranten forderten auf dem Steindamm im Hamburger Stadtteil St. Georg die Einführung eines Kalifats.

Hamburg-St. Georg, der Stadtteil direkt am Hauptbahnhof. Es gibt kaum einen Flecken in der Hansestadt, wo die Widersprüche extremer sind – wo Junkies auf dem Vorplatz vor der Drogenberatungsstelle „Drob Inn“ sitzen, wo die eher bürgerlichen Besucher des Schauspielhauses oder des Ohnsorg-Theaters sich ihren Weg vorbei an Falafelbuden oder ranzigen Spielhallen bahnen.

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Auf dem Steindamm, der Meile im Herzen St. Georgs, versammeln sich am Samstag über 1000 Menschen, in der Mehrzahl junge Männer, aber auch Frauen in Tschador oder Kopftuch. Viele sind mit Plakaten aufmarschiert, orchestrieren stimmgewaltig die gebrüllten Botschaften der Vorredner. „Muslime schweigen nicht“, ist da zu lesen, „Kalifat ist die Lösung“, oder einfach nur „Allahu Akbar“.

Die Frauen stehen abseits der Männer, haben Kinder dabei. Alles wirkt wohl geordnet – aber die Botschaften, die mit teils überschlagender Stimme skandiert werden, sind hasserfüllt, wirken bedrohlich auf die Passanten. Und das sollen sie offensichtlich auch.

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25-jähriger Hamburger ist Kopf der Gruppe

Die Drohungen richten sich gegen die Regierung, gegen die Medien, gegen eine als solche empfundene „Werte-Diktatur“. Aufgerufen zu der Demonstration hatte die Gruppe Muslim Interaktiv (MI), eine 2020 in Hamburg gegründete islamistische Organisation. Sie wird vom Verfassungsschutz beobachtet, gilt als gesichert extremistisch und steht ideologisch der mittlerweile verbotenen Terrororganisation Hizb ut-Tahrir nahe. Kopf der Gruppe ist Joe Adade Boateng, er selbst nennt sich „Raheem Boateng“, ein 25-jähriger Hamburger, der auf Social-Media-Plattformen wie Tiktok sehr aktiv und erfolgreich ist – zumindest was die Zahl der Follower betrifft.

Das ist nicht allein eine Machtdemonstration, sondern immer auch die Suche nach Aufmerksamkeit.

Ahmad Mansour,

Extremismusforscher

Mit dieser Machtdemonstration und dem bundesweiten Echo ist der Gruppe ein Coup gelungen – und vor allem darauf kommt es ihr offenbar an. „Das ist nicht allein eine Machtdemonstration, sondern immer auch die Suche nach Aufmerksamkeit“, sagt der in Deutschland lebende israelisch-arabische Psychologe und Extremismusforscher Ahmad Mansour dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Gruppen wie MI gehe es „nicht allein darum, auf die Straße zu gehen, um Muslime zu beeindrucken, sondern auch stets darum, sichtbarer zu sein und mehr Einfluss vor allem auf junge Menschen zu bekommen“.

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Durch ihre digitale Vernetzung und die enorme Reichweite agieren Gruppen wie MI laut Mansour sogar europaweit. Erst im Februar des vergangenen Jahres mobilisierte MI rund 3500 Menschen zu einer Kundgebung gegen eine Koranverbrennung in Schweden. Daher ist auch nicht davon auszugehen, dass Aufläufe wie jener am Samstag in Hamburg repräsentativ die Stimmung in Deutschlands muslimischer Community wiedergeben.

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Mansour: „Ich gehe davon aus, dass vor allem der harte Kern, der dabei war, nicht nur aus Hamburg stammt, sondern auch angereist ist.“ Wie ein Katalysator wirkt bei der aktuellen Mobilisierung vor allem der Konflikt im Nahen Osten, ausgelöst durch die Massaker der Hamas an israelischen Zivilsten am 7. Oktober 2023. „Vor allem Jugendliche konsumieren jetzt mehr ‚andere Quellen‘, also alternative Angebote. In diesen Quellen in den sozialen Medien geht es darum, Menschen wütend zu machen, emotional zu treffen und sie auch für die Sache der Palästinenser auf die Straßen zu bringen“, erklärt Extremismusforscher Mansour.

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Ziel: ein islamisches Herrschaftssystem

Doch Gruppen wie MI gibt es länger als den aktuellen Gaza-Konflikt. Ihr Ziel ist auch nicht eine Lösung solcher Konflikte, sondern die Etablierung eines islamistischen Wertesystems, das sich grundsätzlich von der offenen Gesellschaft westlicher Prägung unterscheidet. Wenn erst das „Kalifat“ errichtet, „der schlafende Riese erwacht“ sei, dann werde der Westen sein blaues Wunder erleben, so ein Redner in Hamburg.

Das Kalifat zielt auf ein islamisches Herrschaftssystem, in dem die Scharia – die islamische Rechtsprechung – zum Dogma erhoben wird und nach den Regeln von Koran und Sunna gelebt wird. Keine Macht geht vom Volke aus.

Ahmad Mansour,

Extremismusexperte

„Kalifat ist ein Wort, das Nachfolge bedeutet, es geht um die Nachfolge des Propheten“, erläutert Mansour. Das Kalifat ziele „auf ein islamisches Herrschaftssystem, in der die Scharia – die islamische Rechtsprechung – zum Dogma erhoben wird und nach den Regeln von Koran und Sunna gelebt wird. Keine Macht geht vom Volke aus. Es ist eine brutale Ordnung, in der Frauen keine Rechte haben, homosexuelle Menschen ermordet werden, Juden und Christen als Bürger zweiter Klasse behandelt werden, wo sogenannte Ungläubige wie die Jesiden getötet werden, Sklaverei erlaubt ist, Kriege im Namen des Islam geführt werden“, ordnet der Wissenschaftler ein.

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Auch Frauen nahmen an der Kalifat-Demo in Hamburg teil.

Wert legt der MI-Gründer Boateng neuerdings auf die Darstellung, Ziel von Muslim Interaktiv sei es lediglich, ein solches Kalifat in der islamischen Welt zu errichten, nicht aber in Deutschland. Sagt er das aus taktischen Erwägungen? Denn schon länger fordert zum Beispiel der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) das Verbot von Muslim Interaktiv sowie zwei ähnlicher Organisationen, die Generation Islam und Realität Islam heißen. Eine direkte Infragestellung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung würde ein Verbotsverfahren befeuern.

Ahmad Mansour, Psychologe und Extremismusforscher

Im Kampf gegen Extremisten jeglicher Richtung glaubt Mansour, der deutsche Sicherheitsapparat sei inzwischen „viel besser geworden, im Vergleich zum Zustand vor zehn Jahren“. Probleme sieht er indes bei den politisch Verantwortlichen, was zum Beispiel den „Wettbewerb der Radikalen“ betrifft. Mansour: „Wir haben eine Bundesinnenministerin, die in den letzten Jahren immer wieder betont hat, dass der Rechtsextremismus die größte Gefahr für die Demokratie ist. Ich möchte ihr leidenschaftlich widersprechen.“

Extremismus als eine Art „360-Grad-Panorama“

Weil es laut Mansour eben „nicht darum geht, dass die Gefahr durch eine Gruppe größer ist“. Vielmehr plädiert der Experte dafür, „den Umgang mit dem Extremismus als eine Art ‚360-Grad-Panorama‘“ zu verstehen. Mansour: „Es wird immer Extremisten aller Couleur geben, wir müssen sie alle ernst nehmen und dürfen uns nicht zu Aussagen verleiten lassen, welche gerade die ‚schlimmere‘ ist, gegen welche wir gerade mehr oder weniger intensiv vorgehen.“ Weil das ja bedeuten würde, andere Radikale zu verharmlosen.

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Deutschland, Politik und Medien, ihr alle solltet euch wohl bedacht positionieren – gegenüber den Muslimen, gegenüber dem Islam und gegenüber Allah.

Drohung eines Redners auf der Hamburger Demonstration

Was die Extremisten, egal welcher ideologischen Ausrichtung, oft verbindet: Ein Hauptziel ihres Hasses sind stets die Medien. „Deutschland, Politik und Medien, ihr alle solltet euch wohl bedacht positionieren – gegenüber den Muslimen, gegenüber dem Islam und gegenüber Allah. Denn wenn die Karten neu gemischt werden und der schlafende Riese wieder erwacht, werdet ihr für das (...) zur Rechenschaft gezogen“, schrie ein Redner. Ähnlich unverhohlene Drohungen hat man von Wutbürgern auch schon gehört.

St. Georg, am frühen Samstagabend: Die Teilnehmer des Protests haben ihre Schilder abgeliefert, die der Veranstalter einsammelt. Die Polizei zieht sich zurück, auf dem Steindamm kehrt wieder Leben ein. St. Georg gehört wieder den Obdachlosen, den Junkies vor dem „Drob Inn“, den arabischen Gemüsehändlern, die kurz vor Ladenschluss die Auslagen abräumen, den Ankommenden und Abfahrenden mit Bus und Bahn. Und den Besuchern, die ins Schauspielhaus streben. Dort wird an diesem Abend ein Stück dargeboten, das sich „Anthropolis IV“ nennt. Es geht um einen mörderischen Bruderkonflikt und das Scheitern von Diplomatie.

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