Türkei vor Stichwahl

Wolfsgruß und „Allahu Akbar“-Rufe: So feiern Erdogan-Anhänger in Duisburg

Hunderte Anhänger des amtierenden türkischen Präsidenten Erdogan laufen in Duisburg mit Flaggen über eine Straße.

Berlin. Die Auszählung der Stimmen ist in der Türkei noch in vollem Gange, als mehrere Hundert Unterstützer des türkischen Präsidenten in Siegeslaune durch Duisburg ziehen. In ihrer Mitte tragen einige der der größtenteils jungen Erdogan-Unterstützerinnen und -Unterstützer eine riesige Türkeifahne, die eine ganze Fahrbahnbreite ausfüllt. Andere haben Fahnen der Regierungspartei AKP mitgebracht. „Recep Tayyip Erdogan“ rufen die Demonstranten im Chor, außerdem immer wieder „Allahu Akbar“ und türkisch-nationalistische Slogans. Manche zeigen auch den „Wolfsgruß“ der rechtsextremen „Grauen Wölfe“. Streifenwagen der Duisburger Polizei begleiten den unangemeldeten Aufzug mit Blaulicht.

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Gegen Mitternacht werden aus der Menge der Demonstranten heraus Feuerwerksbatterien und Bengalofackeln gezündet. Auch zwei Autokorsos mit insgesamt mehr als 130 Autos bahnen sich in der Nacht ihren Weg durch die Ruhrgebietsstadt. Die Polizei spricht mehrere Platzverweise aus und erstattet Strafanzeigen, wie eine Behördensprecherin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) am Montag mitteilt. Auch in Dortmund kommen in der Nacht mehr als 100 Menschen zu einem Autokorso zusammen, in Hamburg versammelt sich eine kleinere Gruppe von Erdogan-Anhängern vor dem türkischen Konsulat.

Erdogans Freund-Feind-Denken mit fatalen Folgen

Trotz Stichwahl stehen die Zeichen auf einer weiteren Präsidentschaft Erdogans. Wenn er im Amt bleiben kann, wird er nur mit harter Hand ein politisch zerrissenes und ein durch die galoppierende Inflation verarmtes Volk regieren können, kommentiert Eva Quadbeck.

1,5 Millionen türkische Wahlberechtigte in Deutschland

Wenn in der Türkei gewählt wird, bewegt das auch in Deutschland viele Menschen. In keinem anderen Land – außer der Türkei selbst – leben mehr türkische Staatsbürger als hierzulande. 1,5 Millionen Türkinnen und Türken in Deutschland durften in diesem Jahr ihre Stimme abgeben, etwas weniger als die Hälfte davon ging wählen. Wie schon in vergangenen Jahren wählten die Deutschtürken mit einer eindeutigen Mehrheit Erdogan und seine AKP. Laut vorläufigen Zahlen, die am Montag veröffentlicht wurden, erhielt Erdogan gut 65 Prozent der Stimmen aus Deutschland. Der Oppositionskandidat Kemal Kılıçdaroglu kam dagegen auf knapp 33 Prozent.

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Autokorsoteilnehmer in Duisburg zeigen den „Wolfsgruß“ der rechtsextremen „Grauen Wölfe“.

Der „große Bruder“ Erdogan

„Das eindeutige Ergebnis für Erdogan in Deutschland überrascht mich nicht. Ich hatte damit gerechnet, dass die Zustimmung für Erdogan ein ähnlich hohes Niveau haben wird wie bei den vergangenen Wahlen“, sagt der Journalist und Autor Eren Güvercin. Anders als in der Türkei habe sich die Stimmung in der türkischen Community in Deutschland kaum verändert. „Die Menschen bekommen die Auswirkungen der türkischen Regierungspolitik nicht hautnah zu spüren und leben hierzulande in ihrer identitären Blase, die Erdogan seit über 20 Jahren mit seiner aggressiven Diasporapolitik bedient“, erklärt Güvercin.

Erdoğan vermittle vielen jungen türkeistämmigen Menschen in Deutschland das Gefühl, er sei ihr großer Bruder, der sich für ihre Rechte und Belange einsetze – und „ein Führer, der die türkische Nation wieder zum Machtfaktor auf der internationalen Bühne macht.“

„Wir als deutsche Gesellschaft müssen uns die Frage stellen, warum Erdogan es schafft, einen emotionalen Zugang zu diesen Menschen zu finden, die in dritter Generation in Deutschland leben. Wir haben den Wettbewerb um die Köpfe und Herzen dieser Menschen verloren – auch, weil wir ihn nie wirklich angenommen haben“, sagt der Journalist und Erdogan-Kritiker.

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Oppositionelle im Visier

Er sieht dringenden Handlungsbedarf: „In der Türkei und auch bei türkeistämmigen Menschen in Deutschland ist ein von Erdogan religiös legitimierter völkischer Nationalismus verbreitet. Dieses Phänomen hat das Potenzial, auch das gesellschaftliche Zusammenleben in Deutschland negativ zu beeinflussen.“

Dass gesellschaftliche Konflikte in der Türkei auch zu Gewalt in Deutschland führen können, hat sich in der Vergangenheit vor allem dann gezeigt, wenn kurdische und türkisch-nationalistische Demonstranten aufeinandertrafen. Besonders die Anhänger der „Grauen Wölfe“ gelten in Teilen als äußerst gewaltbereit.

Eren Güvercin sieht insbesondere eine Gefahr für türkische Oppositionelle in Deutschland. „Oppositionelle jeder Couleur sind Feindbilder für die Milieus der AKP und der rechtsextremen ‚Grauen Wölfe‘. Wer öffentlich seine Meinung zu politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in der Türkei äußert, gerät schnell ins Visier dieser Kreise und wird eingeschüchtert, bedroht oder als Terrorist verunglimpft“, sagt er.

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