„Eine Rückkehr nach Syrien ist keine Option. Wohin sollten wir auch zurückkehren?“
Hannover. Alaa Ehsan und Yamen Arraj kommen beide aus Syrien und arbeiten seit Jahren als Videojournalisten beim RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). In Deutschland haben sie eine zweite Heimat gefunden, trotzdem berührt sie, was in ihrer ersten Heimat gerade passiert. Sie feiern mit ihren syrischen Familien und Freunden – und sind doch irritiert über die Reaktionen aus Deutschland. Ihnen sei klar, dass die Ideen zur Rückführung und Abschiebung von Syrern ein Teil des Wahlkampfs seien, aber der Druck für Menschen, die sich seit Jahren zu integrieren versuchen, sei dadurch immens.
Alaa Ehsan
Es war ein Junitag im Jahr 2015. Ich stand vor der Wahl: Ich werde zwangsverpflichtet für das Militär in Syrien oder ich muss fliehen. Ich habe damals überhaupt nicht daran gedacht, dass ich Syrien nie wiedersehen könnte. Ich dachte, ich bin zwei, drei Jahre in der Türkei, dann kehre ich nach Hause zurück.
Ich bin Alaa, 35 Jahre alt und komme aus Damaskus. Ich bin mit meiner Mutter, meinem Bruder und zwei Schwestern aufgewachsen. Wir haben ein einfaches Leben gelebt, wie die meisten Syrerinnen und Syrer. Ich habe als Journalist bei verschiedenen Medien gearbeitet, aber das war sehr schwierig. Es gab vor allem nach dem Aufstand gegen das Regime 2011 keine Freiheit mehr. Etwas gegen das Regime zu schreiben oder zu sagen, war unmöglich.
Meine Idee war, in die Türkei zu gehen. Ich habe zu Hause sogar etwas Türkisch gelernt. Ich dachte, es dauert zwei, drei Jahre, dann wird zu Hause alles besser. Aber Freunde, die nach Deutschland wollten, haben mich überzeugt, dass das unser Ziel sein sollte. Am 23. Juli 2015 sind wir gemeinsam aufgebrochen.
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Zur vollständigen AnsichtMit Schiff, Zug, Auto und zu Fuß: Alaas Flucht aus Syrien nach Deutschland
Von der Türkei sind wir über das Mittelmeer nach Griechenland gekommen. Ich glaube, jeder hat diese Geschichten gehört. Es war eine schlimme Zeit, aber wenn ich die Erzählungen von anderen höre, war meine nicht so dramatisch. Mit dem Auto fuhren wir von Budapest nach Deutschland. Als wir am 8. August 2015 die Grenze überschritten, sagte die Fahrerin, dass wir jetzt in Deutschland seien. Ein Freund hat erst einmal auf Google Maps geschaut, ob das stimmt.
Ich habe in einigen Flüchtlingsunterkünften und in einigen Städten gewohnt, ehe ich 2018 nach Hannover kam. Ein Freund, bei dem ich damals gewohnt habe, hat mir einen Studienplatz vermittelt. Dass er mir das Vertrauen geschenkt hat, mich bei sich aufzunehmen, obwohl er mich erst kurz kannte und nicht wusste, wer ich war – ich kann nicht sagen, was mir diese Familie gegeben hat, wie dankbar ich ihr bin.
Ich sehe jetzt die Berichte, die Fotos und Videos aus Syrien, ich sehe die Freude in den Augen der Menschen. Das habe ich vorher noch nie gesehen. Da war immer nur Angst.
Alaa Ehsan,
RND-Videojournalist aus Syrien
Als ich vier, fünf, sechs Jahre in Deutschland war, hatte ich erstmals den Gedanken, dass ich vielleicht nie mehr nach Syrien komme. Dass ich mein Heimatland, meine Mutter, meine Schwester vielleicht nie wiedersehen würde. Das hat wehgetan, denn auch wenn Deutschland inzwischen zu meiner Heimat geworden ist, wenn ich hier seit neun Jahren lebe, Freunde gefunden habe, die Sprache gelernt habe, einen Job bekommen habe, so ist Syrien natürlich die erste Heimat für mich. Das kann man nicht vergessen. Heute leben auch viele meiner syrischen Freunde in Deutschland.
Wiedersehen mit der Familie nach acht Jahren – in Jordanien
Inzwischen habe ich mich ein wenig an den Gedanken gewöhnt, nicht zurückzugehen. Im vergangenen Jahr konnte ich aber immerhin erstmals seit acht Jahren meine Familie wiedersehen. Wir sind alle nach Jordanien, das ein spezielles Visaprogramm hat, gereist und haben uns dort getroffen. Es war so schön, meine Mutter und meine Schwester wieder in den Arm zu nehmen, wir haben viel geweint. Es war emotional, aber auch anders. Man hat gemerkt, dass sie so lange im Krieg leben müssen.
Der 8. Dezember war ein historischer Tag. Ich war zu Hause und habe wie alle Syrerinnen und Syrer die Nachrichten verfolgt. Eigentlich wollte ich gegen Mitternacht ins Bett. Es war mir klar, dass es die letzten Tage des Regimes waren, das hatte sich zwei Wochen lang angedeutet. Aber dass es so schnell gehen würde, das hätte ich nicht gedacht. Um vier Uhr habe ich ein Video auf Social Media gesehen von Menschen, die auf einem Panzer standen und tanzten, mitten im Herzen von Damaskus. Im Hintergrund waren Anti-Assad-Lieder zu hören. Das war der Moment, an dem ich wusste, dass Assad weg ist. Ich habe wie verrückt getanzt. Ich war alleine, ich wusste gar nicht, was ich machen soll, wohin mit meinen Emotionen.
Heimat ist der Ort, an dem man sich gut und aufgehoben fühlt. Es ist nicht nur ein Ort, es ist ein Gefühl.
Alaa Ehsan,
RND-Journalist als Syrien
Etwas später habe ich mit meiner Mutter und meiner Schwester telefoniert, außer den beiden ist der Rest meiner Familie in Deutschland. Meine Mutter hat gesagt, dass sie mich noch nie so glücklich gesehen hat wie jetzt. Ich schau jetzt die Berichte, die Fotos und Videos aus Syrien, ich sehe die Freude in den Augen der Menschen. Das habe ich vorher noch nie gesehen. Da war immer nur Angst. Es gibt so viele Menschen, die innerhalb Syriens geflüchtet sind und es ist pure Freude, Aufnahmen zu sehen, wie sie nach sieben, acht Jahren ihre Verwandten und Freunde wieder in die Arme nehmen.
Alaa Ehsan über Assads Sturz: „Wir haben unser Syrien zurück“
Mein Gefühl zu Syrien hat sich in den vergangenen Tagen stark verändert. Wir haben unser Syrien zurück. Das war zuvor nicht unser Land, das war das Land des Diktators. Nach 50 Jahren diktatorischer Herrschaft der Assad-Familie wünsche ich mir ein demokratisches Land, wo alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, wo alle Menschen respektiert werden, egal, ob sie Muslim, Christ oder Atheist sind.
Was danach kommt, welche Form der Staat haben wird, welche Regierung, das klärt sich später. Wir haben jetzt viele Herausforderungen. Wir müssen eine neue Verfassung schreiben. Wir müssen neue Gesetze erlassen. Es braucht neue Parteien. 60, 70 Prozent des Landes sind zerstört. Die wirtschaftliche Lage ist schlecht. Wir müssen uns um die Zehntausenden Inhaftierten, die aus Assads Gefängnissen geholt wurden, kümmern. Die Syrerinnen und Syrer können das nicht alleine machen, wir brauchen internationale Unterstützung. Wir kommen aus einem Krieg, der 13 Jahre gedauert hat, der Wiederaufbau geht nicht sofort und ohne Hilfe.
Was ich nicht in Ordnung finde, ist die Reaktion von Deutschland. In dem Moment, in dem sich alle Syrerinnen und Syrer über ein neues Syrien freuen, diskutiert Deutschland über Abschiebungen und ausgesetzte Asylverfahren und Politiker wollen freiwilligen Rückkehrern 1000 Euro geben. Diese Debatte ist auch viel zu früh. Mir ist klar, dass das Teil des Wahlkampfes ist, aber wir sprechen über Menschen, die in Deutschland eine neue Heimat gefunden haben. Ich habe nie rassistische Erfahrungen gemacht, ich habe viele Freunde, die mir sehr viel geholfen haben und die sich wünschen, dass ich in Deutschland bleiben kann. Aber es gibt eben auch immer die Leute, die das nicht möchten.
Dabei ist Heimat doch der Ort, an dem man sich gut und aufgehoben fühlt. Es ist nicht nur ein Ort, es ist ein Gefühl.
Yamen Arraj
Mein Onkel hat mir ein Video auf Whatsapp geschickt: Die Rebellen in meiner Heimatstadt. Aber sie waren friedlich, sie taten Menschen nichts, die feierten, weil al-Assad gestürzt war. Ich war ganz aufgeregt und nach der ersten Freude habe ich mich gefragt: Ist das echt? Kann das echt sein? Ist das wirklich meine Stadt? Ich kann das Gefühl von diesem Moment nicht beschreiben. Ich war happy und gleichzeitig dachte ich: Schade, dass ich nicht dort bin. Ich hatte das Gefühl, ich hätte dort sein sollen.
Ich bin Yamen Arraj, 40 Jahre alt und komme aus Latakia in Syrien. Ich bin dort aufgewachsen, habe meine Freunde und Familie dort. Ich habe in Damaskus studiert und zwei Jahre als Journalist gearbeitet, aber Latakia war immer meine Heimat.
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Zur vollständigen Ansicht2015 wurde mir klar, dass viele Länder al-Assad unterstützen und er an der Macht bleiben würde. Da habe ich beschlossen, Syrien zu verlassen. Ich wollte nach Deutschland, das war meine erste Priorität, und das habe ich geschafft. Hier habe ich mir eine Gemeinschaft aufgebaut, mit Freunden, mit meiner Arbeit, mit meiner Familie. Ich habe die Sprache gelernt.
Das Gefühl der Erleichterung nach der Einbürgerung
Am 4. Mai 2023 wurde ich Deutscher. Der war ein sehr bedeutungsvoller Tag für mich, der mir Sicherheit und innere Stabilität gegeben hat. Endlich musste ich mich nicht mehr unter Druck setzen wegen der Aufenthaltsgenehmigungen, musste nicht weiter bangen, dass politische Veränderungen meine Verlängergung gefährden. Ich habe der gesamten Redaktion Süßigkeiten mitgebracht.
Ich war happy und gleichzeitig dachte ich: Schade, dass ich nicht dort bin. Ich hatte das Gefühl, ich hätte dort sein sollen.
Yamen Arraj,
RND-Journalist aus Syrien
Deutschland ist genauso mein Heimatland wie Syrien. Man kann es nicht vergleichen. Ich bin in Syrien aufgewachsen und hier in Deutschland habe ich mir etwas aufgebaut. Aber es war mir damals nicht klar, dass ich meine Heimat so lange nicht sehen darf. Ich habe gedacht, ich bleibe ein, zwei Jahre in Deutschland und gehe dann zurück. Dieser Plan hat nicht funktioniert. Immerhin konnte ich in der gesamten Zeit meine Herkunftsfamilie zweimal sehen – sie leben in der Türkei.
Eine Nacht voller Ereignisse: „Ich habe getanzt, geklatscht, geschrien“
Der Rest meiner Familie und viele Freunde leben noch in Latakia. Der 8. Dezember war ein unvergesslicher Tag. Wir konnten das erste Mal, seit ich Syrien verlassen habe, ohne Angst telefonieren, ohne Angst alles aussprechen. Sie waren alle sehr froh, haben auf den Straßen gefeiert. Immer wieder sagten sie: „Endlich haben wir Huriya, Freiheit!“
Ich habe auf zwei Handys und am Fernsehen die Nachrichten verfolgt, habe Videos geschaut, die ich in den sozialen Medien gesehen habe oder die mir geschickt wurden. Als die Revolutionäre nach Latakia kamen, das war der schönste Moment. Als al-Assad gestürzt war, habe ich daheim getanzt, geklatscht, geschrien. Ich habe meine Frau aufgeweckt und nur gerufen: Al-Assad ist weg! Al-Assad ist weg! Erst um 10 Uhr morgens bin ich ins Bett gegangen.
Ein Onkel und neun Freunde sterben in Assads Foltergefängnissen
Baschar al-Assad hat viel Leid über Syrien gebracht. Ich bin sehr froh, dass er weg ist. Unter ihm sind eine Million Menschen gestorben, darunter auch mein Onkel und neun Freunde. Wir haben damals nur von Zeugen gehört, dass der Geheimdienst meinen Onkel und meine Freunde festgenommen hat. Mehr wussten wir nicht. Nicht einmal, warum. Erst viel später haben wir dann die Sterbeurkunden überreicht bekommen. Bis heute ist nicht geklärt, was mit ihnen passiert ist, wie sie getötet wurden, wie lange sie noch gelebt haben. Die Leichen haben wir nie zu Gesicht bekommen.
Ich vermisse alles in Latakia, das Meer, die Gebäude, die Straßen und natürlich die Menschen, mit denen ich so lange gelebt habe.
Yamen Arraj,
RND-Videojournalist aus Syrien
Nach 13 Jahren Krieg wünschen sich in Syrien alle nur Frieden und bessere Lebensbedingungen. Die Menschen wollen leben wie die Menschen in den Nachbarländern auch leben. Ich hoffe, dass Syrien eine demokratische Zukunft hat, wo alle zusammenleben, ohne Angst. Und natürlich wünsche ich mir Sicherheit für die Menschen vor Ort. Im zweiten Schritt müssen dann die Lebensbedingungen verbessert werden. Es muss wieder zuverlässig Strom und Wasser geben. Für den Wiederaufbau braucht es finanzielle Unterstützung der internationalen Gemeinschaft, der Staat hat kein Geld. Das Geld besaßen nur al-Assad und seine Leute.
Ein Besuch in Syrien als großer Traum
Ich habe viele syrische Freunde in Deutschland und wir haben über das Thema Rückkehr diskutiert. Wie die meisten meine auch ich, dass es noch viel zu früh ist, darüber zu sprechen. Für mich ist das keine Option. Wohin sollten wir auch zurückkehren? Syrien ist weitestgehend zerstört und die Menschen haben nichts.
Für mich persönlich hat sich nicht viel verändert. Ich habe die deutsche Staatsbürgerschaft. Aber ich glaube, dass die Debatte um Abschiebungen und Rückführungen sehr viel Druck auf diejenigen ausübt, die hier arbeiten, die Sprache lernen und sich integrieren wollen – und das auch seit Jahren tun.
Trotzdem habe ich geplant, nach Syrien zu reisen, sobald die Umstände es erlauben. Ich vermisse alles in Latakia, das Meer, die Gebäude, die Straßen und natürlich die Menschen, mit denen ich so lange gelebt habe. Als erstes werde ich dann alle, die ich kenne, besuchen und umarmen.